… außer auf gute Art und Weise

Der Tod von Helmut Kohl sorgt täglich für mediale Schlagzeilen und Berichte. Es macht mich nachdenklich, was ich höre und sehe. Und es erinnert mich daran, was ich in der Begleitung von trauernden Angehörigen erlebe oder von Kursteilnehmern in meinen Seminaren höre. Dort allerdings ohne mediale Öffentlichkeit.

Drei Aspekte, von den vielen, die mir in den letzten Tagen verstärkt durch Herz und Verstand gehen, möchte ich davon nennen:

Spannung und Dilemma zwischen persönlicher und öffentlicher Ebene
Es wurde berichtet, wer, wann, wie und wo einen Staatsakt durchführen möchte, wo und wann das Begräbnis stattfindet, was die Familie will usw. Spätestens bei den Szenen, als einer der Söhne beim Verlassen des Elternhauses direkt nach dem persönlichen Abschied vom Totenbett zu sehen ist oder als ihm der Zutritt zum Haus verweigert wird, erhebt sich die Frage, wer denn mit Familie gemeint ist. Dieses Spannungsfeld gibt es nicht nur in besonderem Ausmaß bei Personen des öffentlichen Lebens, sondern in vielen Trauerfällen. Wer hat Anspruch auf Trauer, persönlichen Abschied und offizielle Würdigung? Das Sterben eines Menschen ist sehr persönlich und intim, jedoch nie ausschließlich Privatsache. Je nach Kulturkreis und Gesellschaftsordnung kommen zudem Regelungen für die Bestattungen.

Der Tod aktiviert bereits Erlebtes noch einmal
Jeder hat sein Recht auf die eigenen Gefühle, Erinnerungen und Sichtweisen zum Verstorbenen. Da gibt es kein richtig oder falsch. Es ist abhängig von den Beziehungen und den persönlichen Erlebnissen mit dem verstorbenen Menschen. Und dabei hat alles seinen Preis im Leben. So auch der Erfolg eines Menschen, auch und gerade bei Personen des öffentlichen Lebens. Die eigene Familie und engere Angehörige zahlen diesen Preis in den allermeisten Fällen mit.

Was Menschen während des gemeinsamen Lebens oder Arbeitens miteinander erleben, verbindet sie. Und das auf dreierlei Weise:

  • Es verbindet, was miteinander geteilt, besprochenen, geplant und erreicht wird, wo man aufeinander hört, was man miteinander genießt, gemeinsame Sexualität, Wege, die man miteinander gegangen ist, worin man sich bereichert hat, usw.
  • Menschen verbindet intensiv, was nicht harmonisch verlaufen ist: Missverständnisse, Streit, Krisen, Verletzungen, Erlebtes, das Wut und bisweilen sogar Hass auslöst.
  • Menschen verbindet, was sie voneinander (und dem gemeinsamen Leben) gewünscht, ersehnt, erwartet und erhofft haben und sich nicht erfüllte.

Besonders die Verbindungen der zweiten und dritten Art sitzen in Menschen besonders tief, lange und nachhaltig. Überlegen Sie einmal, ob und welche Altlasten Sie mitschleppen durch ihr Leben!

Trauer hat ihre Vorgeschichte schon zu Lebzeiten, sie verdichtet sich im Todesfall.  Die eigentliche Trauerarbeit beginnt meist, wenn es nach den Trauerfeierlichkeiten wieder stiller wird. Die Beziehung zum Verstorbenen will neu gestaltet werden. Es braucht Zeit und eine gute Begleitung ist hilfreich. Darin liegt die Chance des Todes für dieLebenden.

Taktgefühl und Pietät
Frühere Zeiten kannten so etwas wie Takt und Pietät. Das müssen wir dringend zurückgewinnen. Ich frage deshalb die Verantwortlichen und uns alle als Zuschauer: Müssen wir sehen, wie Kameras auf einen Sohn halten, der unmittelbar vom Totenbett des Vaters kommt? Warum müssen Reporter penetrant nachfragen in solch einer Situation? Beerdigungen und deren Gestaltung, Nachrufe und Ehrungen sind nicht der Platz ,um miteinander abzurechnen oder im Sinne des Selbstmarketings verzweckt zu werden. Und Ehrungen in pietätvoller Weise brauchen Authentizität. „De mortuis nil nisi bene“, lautet ein Satz aus der Antike: „Über die Toten nichts, außer auf gute Art und Weise.“ Nur Gutes zu sagen, macht Nachrufe zu einer Farce, die weder Achtung ausdrückt und ehrt, noch tröstet. Im Guten erinnern, und dabei verschiedene Aspekte des Verstorbenen aussprechen, ehrt und heilt. Wohl wissend, dass derjenige, über den man redet, sich nicht mehr „wehren“ kann. Und Nachrufe sind dann keine Zumutung mehr, wenn auch diejenigen, die belastende Erinnerungen haben, sich wiederfinden.

Das ist meiner Meinung nach beim Staatsakt gut gelungen. Uns in Europa wünsche ich Kraft aus dem staatsmännischen Vermächtnis zum äußeren Frieden. Der Familie Kohl  mit allen Angehörigen wünsche ich Wege des inneren Friedens.