Wie lange darf Trauer in unserer Gesellschaft dauern?

Letzte Woche sagte mir eine Witwe, deren Mann letztes Jahr nach langem Kampf gegen die Krebserkrankung verstorben ist: „Es war für mich schon schwer zu erleben, wie für alle drum herum das Leben so schnell und ganz normal weitergeht – ich komme erst jetzt zur eigentlichen Trauerarbeit. Die Zeit bis zur Beerdigung war ich ja auf Trab gehalten, und das erste halbe Jahr musste ich kämpfen, um meine finanzielle Situation zu regeln und neu zu organisieren. Da blieb keine Zeit für meine Trauer. Das beginnt erst jetzt so richtig. Ich spreche jeden Tag mit meinem Mann!“

Auf mich wirkt das sehr selbstwirksam und autonom. Ich habe Respekt vor dieser Frau. Ich bin dankbar, dass sie den Mut hat zu ihrem eigenen individuellen Weg, der sicher noch dauern wird.

Dabei erinnerte ich mich mal wieder an die kontroverse Debatte in medizinischen und therapeutischen Kreisen um die Einordnung von Trauer. Von „normaler Trauer“ werden Trauersymptome als Anpassungsstörung, Depression oder posttraumatische Belastungsstörung abgegrenzt. Auf der Suche nach Diagnosevorschlägen fallen Begriffe wie pathologische, komplizierte, traumatische oder prolongierte Trauer. Im deutschsprachigen Gebiet ist derzeit von anhaltender Trauerstörung die Rede. Eine gewisse Öffentlichkeit erlangte die Debatte 2013: Trauer sollte als Krankheitsdiagnose gelten, wenn sie länger als zwei Wochen anhält. Die Kontroverse geht weiter. Es gibt Vorschläge, den zeitlichen Rahmen von sechs bzw. zwölf Monaten als Richtlinie für eine Diagnose anzuwenden.

In mir regt sich seit damals bis heute Widerstand! Trauer ist keine Krankheit! So gerne man das auch diagnostizieren möchte. Seit dem Jahr 1999 begleite ich trauernde Menschen. Lassen wir einmal Trauernde und ihre Situation zu Wort kommen:  Da ist der Erwachsene, der als Kind ein Elternteil oder Geschwister verloren hat. Dieses Ereignis wird Teil seiner Biographie und Erlebniswelt bleiben. Eltern, die ein Kind verlieren, egal ob während oder nach der Schwangerschaft als Baby, als Kleinkind oder Jugendlicher oder Erwachsener, werden das Kind nicht vergessen, es gehört mit zur Familie. Da ist die Schwester, die um den Bruder trauert, der als Jugendlicher im Krieg als Soldat gefallen ist und die jährlich an dessen Grab fährt. Was ist nicht normal daran, wenn ein Mensch, der jahrzehntelang mit dem Partner zusammengelebt hat, weiterhin täglich das Grab besucht und ganz selbstverständlich mit dem Partner redet und sich bespricht?

Und es wird mir wieder einmal klar: Für die Hinterbliebenen wird es niemals mehr so, wie es war. Der Mensch, der gegangen ist, fehlt und ist nicht ersetzbar. Das Leben geht weiter, klar, aber der Verlust will bewältigt und die Veränderung gestaltet werden.  Und das ist eine sehr sehr persönliche Angelegenheit. Es gibt keine Patentrezepte. Was dem einen hilft, blockiert den anderen. Auch eine zeitliche Fixierung als Richtwert erscheint auf Grund meiner praktischen beruflichen Erfahrung problematisch. Fragen Sie einmal Trauernde, welche Erfahrungen diese mit dem sozialen Umfeld und „Profis“ machen. Viele Trauernde müssen Reaktionen und Verhaltensweisen des Umfeldes verkraften, die bisweilen sehr belastend sind. Da kann ich es verstehen, wenn sich Trauernde sozial zurückziehen.

Trauer wird leider auch in Fachkreisen mit Traurigkeit gleichgesetzt und verwechselt. Traurigkeit ist ein Aspekt des Emotionscocktails bei Verlust- und Todeserfahrung. Hinzukommen Emotionen wie Wut und Aggressionen, Schuldvorwürfe oder Ängste. Darauf hat schon vor Jahren der Pfarrer und Familientherapeut Manfred Hanglberger hingewiesen. Trauer entsteht nicht ausschließlich beim Verlust eines Menschen. Jedes Loslassen-müssen und Verlieren kann Trauer mit ganz verschiedenen Emotionen und Verhaltensweisen auslösen.  Zudem gibt es verschiedene Trauerblockaden: Ein aktueller Todesfall bringt oft nicht gelebte und verdrängte Trauer teils generationsübergreifend in Familienkonstellationen wieder ins Spiel und aktiviert entsprechende Muster aus der Vergangenheit.

Nicht selten wird der Auslöser mit der Ursache verwechselt: Verlust, Sterben und Tod sind Auslöser für das, was in einem Angehörigen passiert, nicht deren Ursache. Viele Faktoren wirken in den Hinterbliebenen. Das gezeigte und nicht gezeigte Verhalten trauernder Menschen sind Hinweise für die Themen bei den Betroffenen. Das wird zum Weg für die professionelle Unterstützung. Ob Trauer und Trauerarbeit als Prozess zugelassen und gelebt wird hängt auch von der jeweiligen Gesellschaft ab.

Menschen müssen nicht einer Diagnose entsprechen. Im Gegenteil: Hilfe muss praktisch im Leben die Spannungen aushalten und bei Bedarf zur Seite stehen. Und Scheitern ist immer eine der Möglichkeiten, die nicht ausgeschlossen werden kann.

Wie wichtig das Thema und wie hoch der Bedarf an einem guten Umgang damit ist, zeigt sich immer wieder in der persönlichen Begegnung mit Betroffen und in meinen Seminaren.

Interessieren Sie sich für das Thema Sterben – Verlust – Trauer?

Ich biete vom 12. bis 14. Mai 2017 folgende Veranstaltung im Odenwald-Insitut an:

Lasst uns darüber reden! – Wege zu einem lebendigen Umgang mit Sterben, Verlust und Trauer

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