Sprachspiele

An Wahltagen, so wie letzten Sonntag bei der Landtagswahl in NRW, warte ich neugierig und gespannt. – „Auf die Wahlergebnisse?“, denken Sie sicher.  Nein, ich freue mich besonders auf die Inszenierung des Wahlabends.

Nach Schließung der Lokale startet die Zeremonie der Liveübertragung aus den Versammlungsorten der Parteien. Stellungnahmen einzelner prominenter Vertreter der beteiligten Parteien kommen in einer Liveschaltung zu Wort oder sind im Studio der Sender in der Gesprächsrunde dabei. Die Moderatoren zelebrieren den Ritus nach festgelegten Abläufen.

Welch eine kostenlose Aufführung: Fragetechniken und Ausweichmanöver, Metaphern und Leerformeln, standardisierte Beteuerungen und Lobeshymnen auf den Bürger, Bekenntnis zum interpretierten Wählerwillen – eine wahrhaft unterhaltsame Sache! Auf dem Programm stehen: Sprachspiele von Moderatoren, Kommentatoren und Politikern.

Vor allem freut es mich, live zu erleben, wie Sprache funktioniert, wie sie genutzt wird und wie sie beim Zuhörer wirkt. Wir beeinflussen – manipulieren – uns eben auch immer sprachlich. Und was kann man für die eigene Rhetorik lernen? Was gibt es an wortgewandten Darstellungen, gibt´s Blamagen oder gekonnten Schlagabtausch oder Entgleisungen? Drei Beispiele vom Wahlabend:

    1. Metaphern zu benutzen und vom „politischem Erdbeben“ und „sensationeller Aufholjagd“ zu sprechen, erzeugt Stimmungen beim Zuhörer und lenkt die Wahrnehmung in eine gewollte Richtung.
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    2. Es wurde von allen, politischen Freunden wie Gegnern, gelobt, dass die Ministerpräsidentin die Verantwortung für das Wahlergebnis übernimmt. Gemeint ist damit, dass sie zurückgetreten ist. Ich denke mir: Wie einfach und bequem, wenn Menschen überall im Leben,  einfach gehen könnten, wenn etwas nicht so gut läuft. Schüler könnten bei einer 4 statt einer 1 einfach nicht mehr zur Schule kommen und das Lernen den Dreierkandidaten überlassen. Und der Handwerker, der einen Fehler gemacht hat, muss nichts mehr auswechseln, sondern geht einfach. Komisch, dass „politische Verantwortung übernehmen“ das gleiche bedeutet wie  „Ämter abgeben und weggehen“, anstatt aus Fehlern lernen und es jetzt besser machen.
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    3. Da sprach ein Generalsekretär (beachten Sie den Terminus aus der Militärsprache) davon, dass sich eine gute Strategie auszeichne, die entscheidenden Botschaften zum richtigen Zeitpunkt zu setzen. Man habe die letzten Tage und Wochen darüber gesprochen (die Themen innere Sicherheit, Infrastruktur, Bildung). Ja, sprechen als Strategie! Strategie wozu? Wählerstimmen zu gewinnen. Das ist etwas ganz anderes, als praktisch etwas umzusetzen. Oder eine Generalsekretärin sagt, dass man nun ausführlich die Gründe analysieren wolle. Auch diese Formel gibt inhaltlich nichts her. Aber solche Sätze funktionieren, weil sie wirken.

Wie gesagt: Ich schaue mir diese Inszenierungen jedes Mal mit Freude an, höre und staune, wie es immer wieder nach gleichen Mustern abläuft und funktioniert: dort im Studio und bei uns, den Wählern und Zuschauern!