Ich ahnte es schon immer!

Das Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ ist geschicktes Marking der Uhrenindustrie!

Walter Schmid nimmt in seinem Buch über geläufige Sprichwörter und Redensarten auf gut 230 Seiten dieselben unter die Lupe. Die höchsten vier Seiten langen Erläuterungen zu einzelnen Redensarten sind gut zwischendurch oder als Bettlektüre zu lesen. Beim Lesen musste ich mal schmunzeln oder herzhaft lachen, mal wurde ich nachdenklich, da eigene Erfahrungen vor meinem geistigen Auge auftauchten. Beim Lesen wird schnell deutlich: Wie Sätze manipulieren können und unser Empfinden und Verhalten prägen – und dass längst nicht jede „Weisheit“ stimmt.

Schmidt reflektiert Alltagserfahrung und wissenschaftliche Erkenntnisse. So erfährt der Leser zum Beispiel im Kapitel über „Eigenlob stinkt“, wie Idealismus und Perfektionsstreben diese Haltung prägen, welche Rolle Projektionen nach C. G. Jung spielen und dass bei Bewerbungen falsche Bescheidenheit unangebracht ist. Das Fazit des Autors: „Und die Lebenserfahrung zeigt, dass so mancher Zeitgenosse, der Bescheidenheit predigt, im Grunde nach Lob und Anerkennung giert. Im Zweifel wäre es besser, er oder sie könnte sich beides selber spenden. (…) insofern sollte Eigenlob durchaus auch einmal duften dürfen, statt immer nur zu stinken. Bloß zu dick auftragen sollte man dabei nicht, ganz wie bei Parfüm.“

Das Buch ermutigt, Sprichwörter zu hinterfragen. Kurzweilig geschrieben ist es auf jeden Fall ein Lesegenuss.

Walter Schmidt

Morgenstund ist ungesund. Unsere Sprichwörter auf dem Prüfstand.

Hamburg 2012 (Rowohlt Taschenbuchverlag)

8,99 Euro