Von Worthülsen und anderen Zusammenhängen

Worte wirken – und wie: Aufbauend und ermutigend können sie ein Lächeln ins Gesicht des Angeprochenen zaubern und damit Verständigung und Gemeinschaft (lateinisch „communio“) herstellen. Sprache kann aber auch verstecken, verschleiern und ausschließen. Wer die entsprechende Sprache nicht spricht, gehört eben nicht dazu und umgekehrt. Das gilt nicht nur für Muttersprachen. Denken Sie nur an die Fachsprache von Ärzten, Theologen, Juristen, Managern, IT-lern, Rappern, an die aktuelle Jugend- oder Chatsprache. Achten Sie bewusst darauf, wie Chefs mit Mitarbeitern, Eltern mit Kindern, Lehrer mit Schülern reden. Worte haben Kraft, wie wir bei charismatischen Rednern ebenso erleben wie bei redegewandten Diktatoren.

Worte können auch zu leeren Worthülsen verkommen und kraftlos werden. Wen stört das – könnte man fragen. Sprache und damit Worte bilden die Wirklichkeit ab und erschaffen eine neue: Worte wirken eben.

In einer Ansprache zur Erinnerung an Nine Eleven fiel mir dies wieder einmal besonders auf. Die Rednerin des Wortes zum Sonntag sprach zu Beginn davon, dass dies Ereignis vor 16 Jahren ein Schicksalsschlag gewesen sei, die Welt, in der wir lebten, sei damals zusammengebrochen und nach diesem Tag sei alles anders. Nine Eleven sei zum Symbol für unsere Verwundbarkeit geworden.

Einmal abgesehen von den direkt betroffenen Menschen, auf die jene Aussagen zutreffen, den mehr als 3.000 Opfern, deren Angehörigen und Freunden, den vielen Helferinnen und Helfern: Was hat sich seit dem „Schicksalsschlag“ in Ihrer Welt konkret verändert?

Ist damals wirklich unsere, Ihre Welt, so wie sie war, zusammengebrochen? Ist wirklich alles anders geworden? Die Krisen und Kriegsgebiete, die vielen Toten im Mittelmeer oder in Syrien und verhungerte Kinder sprechen eine andere Sprache. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen Gefühlsduselei und echter Betroffenheit: Wenn ich betroffen bin, bewirkt das Veränderung. Etwas werde ich konkret ändern. Das muss nichts Weltbewegendes sein, das können Kleinigkeiten sein. Und diese wirken sich in meinem Alltag aus: In meiner Welt verändere ich etwas. Gefühlsduselei dagegen zeigt sich durch großspurige Worte bei gleichzeitigem Beibehalt des immer Gleichen.

Gewisse Spannungen lassen sich wohl niemals aufheben. Es gilt diese auszuhalten und am eigenen Lebensplatz Verantwortung zu übernehmen.